08.03.10 13:05 Alter: 185 days

Vom Stapferhaus zum "Haus der Gegenwart"?

 

Das Stapferhaus Lenzburg wagt anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums eine ambitionierte Vision.

Ein in Europa einzigartiges „Haus der Gegenwart“ soll an einem neuen Standort die Stapferhaus-Tradition fortführen und den Ausstellungen zu Gegenwartsfragen ein dauerhaftes Zuhause bieten. „Keiner, wenn er ehrlich ist, weiß mehr, wohin das Land treibt. Wir alle aber spüren: Es droht eine neue Schweiz“, so brachte es Zeit-Redaktor Peer Teuwsen anlässlich seiner Jubiläumsrede auf Schloss Lenzburg auf den Punkt. Hier könne das Stapferhaus einen wertvollen Beitrag leisten, denn es habe „den Begriff des Museums pulverisiert“ und zu einem Ort gemacht, an welchem „man sich im wahrsten Wortsinn vergegenwärtigt, was ist, was warund was sein wird.“ Ähnlich sieht es Nationalrätin Corina Eichenberger. Die „Gefahr des richtungslosen Unterwegsseins“ sei sehr gross in Anbetracht der hohen Geschwindigkeit, der sich unsere Gesellschaft ausgesetzt sieht. „Gegenwartsinstitutionen wie das Stapferhaus können in diesen unübersichtlichen Zeiten erst recht ihre Wirkung entfalten. Heute wie gestern, aber heute vielleicht dringender denn je“, so Eichenberger. Auch Regierungsrat Alex Hürzeler würdigte die Institution Stapferhaus als einen wichtigen Beitrag zum aargauischen Selbstbewusstsein in seiner Rolle als Kulturkanton: „Der Wandel, der uns alle prägt, ist für Kulturinstitutionen erst recht überlebenswichtig. Das Stapferhaus macht diesbeispielhaft vor.“


Was anders kann eine Institution wie das Stapferhaus einer Gegenwart im Wandel
entgegensetzen als ihre eigene Flexibilität? Die ambitionierte Vision des Stapferhauses setzt genau an diesem Punkt an. Mit einem „Haus der Gegenwart“ wirft das Stapferhaus den Blick nach vorne und präsentiert den Weg, den es in Zukunft beschreiten will. Bisher wurden seine Ausstellungen in zwischengenutzten Räumen gezeigt, doch nun sei die Zeit reif für einen festen Standort. Von diesem Schritt verspricht sich das Stapferhaus mehr Kontinuität und eine Stärkung der Marke. Das Ziel sei es, jedes Jahr eine neue Ausstellung zu einem brisanten Gegenwartsthema zu zeigen.


Beat Hächler und Sibylle Lichtensteiger, die Co-Leitung des Stapferhauses präsentierten dazu eine Machbarkeitsstudie der Firma Metron. Fünf konkrete Standorte stehen bereits zur Debatte. Der Visionärste bezieht den Schlosshügel mit ein – in unmittelbarer Nähe zum historischen Stapferhaus auf dem Schloss also. „Ein Uterus, in dem über die Gegenwart nachgedacht werden kann“, so Lichtensteiger. Auch Aarau stehe als neuer Standort zur Diskussion. Regierungsrat Alex Hürzeler jedenfalls verfolgt als offizieller Vertreter des Kantons die Weiterentwicklung mit grossem Interesse: Das "Haus der Gegenwart" sei eine „Vision, die uns mit Neugier und Spannung erfüllt.“ Oder, wie es Pius Knüsel, Direktor der Stiftung Pro Helvetia formuliert: „Von Häusern wie dem Stapferhaus hätten wir in der Schweiz gern noch zwei, drei mehr.“ Denn der Ruf des Stapferhauses zieht seine Kreise weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Peter Jezler, Direktor der Hochschule für Gestaltung und Kunst, nennt das Stapferhaus deshalb „eine kulturelle Perle, die auch in den Metropolen der Welt bestehen könnte”. Ausstellungen in der Art des Stapferhauses sollten auf Tournee gehen und “zur modernen Identitätsstiftung und Gegenwartsreflexion der Schweiz ihren Beitrag leisten”, so Jezler.


Ebenfalls zum Jubiläum erschien die 264-seitige Publikation „Gegenwart sichten. Stapferhaus Lenzburg 1960-2010“ im Verlag hier+jetzt. Sieben Autorinnen und Autoren skizzieren darin aus ihrer ganz persönlichen Sicht ihr Profil des Stapferhauses. Die Essays werden ergänzt mit Statements von Freunden, Gästen und Zaungästen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur. Ein wilder Ritt durch das Bildarchiv des Stapferhauses erinnert daran, dass jede Zukunft zur Gegenwart und jede Gegenwart zur Vergangenheit wird und daran, dass Kultur im Machen entsteht und nicht am Papier kleben bleibt.


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